Das Leben als Zitat. Oder: Montauk – selbstbezogen?


MontaukMontauk: Ein tatsächlich kleines Dorf auf der New York vorgelagerten Insel Long Island. Als ich vor einigen Jahren 5 Tage geschäftlich in New York war, hatte ich die Gelegenheit genutzt, diesen Ort zu besuchen. Ich wollte meine Neugierde  befriedigen, was denn dies für ein Ort ist, nach dem Max Frisch seine 1975 erschienene Erzählung benannt hat.

Mit einem Leihwagen machte ich mich von Manhattan aus auf den Weg. Long Island ist etwas touristisch, verständlich bei dieser Natur und der vorgelagerten Millionenstadt. Aber nicht überall und nicht vergleichbar mit zum Beispiel Florida.

Hier findet man auch eine gewisse Selbstbezogenheit. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass ich in den üblichen Andenkengeschäften zwar allerlei Maritimes, Karten, Bilder und Bücher vorfand, jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass dieser Ort den Titel für eines der eindrucksvollsten Werke von Frisch hergibt.

Wo Montauk selbstbezogen keine literarische Werbung braucht, zeigt Max Frisch dagegen in seinem Roman eine ausgesprochene Selbstbezogenheit. Ein Satz von Marcel Reich-Ranicki im Einklapptext beschreibt fast alles:

„Die flüchtige elegische Idylle, die aber nur er (Max Frisch), nicht sie (Lynn, die junge Amerikanerin) empfindet, wird zum Ausgangspunkt und gleichzeitig zur Folie für Rückblicke und Reminiszenzen“.

Die Selbstbezogenheit von Frisch wird auch durch ein, wie ich meine, interessantes Stilmittel, der Beschreibung seiner Rolle in dieser Begebenheit deutlich:

Der Wechsel von „ich“ und „er“ – zeitweise sogar in einem Satz- mit dem er von sich erzählt und sich aus seiner Eigensicht beschreibt. Wunderbar passt auch dazu folgender Satz:

„Leben im Zitat.“ (1)

Es gab eine Zeit – lange ist es her -, da zählte Max Frisch zu meinen Lieblingsautoren. Heute auch noch? Ich weiß nicht recht. Als Mensch jedenfalls scheint mir Max Frisch in seinem Leben doch recht verloren. Dazu noch ein zweites Zitat:

„Literatur hebt den Augenblick auf, dazu gibt es sie.“ (2)

Bücherfreunde werden dieser Aussage wahrscheinlich spontan zustimmen. Allerdings, im Kontext mit dem erstgenannten Zitat, scheinen mir viele andere, realere Seiten des Lebens unterbewertet: das Leben, Handeln, Tun, …

Zu viel Resignation also bei Herrn Frisch, was er aber auch selbst schreibt:

„Ich sage der amerikanischen Öffentlichkeit: Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.“ (3)

Wir alle, die wir gern lesen, mögen also darauf achten, dass wir nicht eines Tages sagen (müssen):

Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich lese.

Trotz dieser Kritik: Ein absolut lesenswertes Buch!


 

(1) Max Frisch, Montauk, Suhrkamp 1975, S. 95

(2) Ebenda, S.95

(3) Ebenda, S.11

 

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