Die Langsamkeit, die Evolution und die künstliche Intelligenz


Stellen Sie sich vor, seit 46 Jahren im Rollstuhl zu sitzen und seit 29 Jahren nicht mehr reden zu können. Ist es dann noch möglich bedeutende Aussagen zu treffen können?

Spontan wird auf eine solche Frage vielleicht geantwortet, dass Leben sei dann ohnehin nicht mehr lebenswert, warum überhaupt diese Frage? Eine solche Antwort wäre in vielerlei Hinsicht vorschnell. Denn dieser Mann hat 10 Jahre, nachdem er auch noch die Sprache verloren hatte, erneut geheiratet. Auch wenn es durchaus kritische Stimmen zu dieser Ehe gab, wird man kaum behaupten könne, er würde sein Leben nicht lebenswert finden (1). Und ist ein Leben nicht auch deshalb lebenswert, wenn dieser Mensch uns allen etwas Wesentliches für unser Leben sagt?

Sie ahnen es möglicherweise, ich schreibe über Stephen Hawking, dem bekannten Physiker, der bis 2009 einen Lehrstuhl an der Universität Cambridge hatte.

Hawking kann sich nur durch einen Sprachcomputer verständigen. Zunächst verwandte er ein System, das er mit Augenbewegungen steuerte. Jetzt stellte er in einem Vortrag (!) einen neuen Computer vor, der zudem in der Lage ist, aus dem was Hawking in der Vergangenheit sagte, Prognosen zu treffen, was er sagen will. Oder genauer, was er dem BBC sagte.

Mit einem solchen Computer sind wir dem Thema „Künstliche Intelligenz“ sehr nahe. Und exakt hierzu traf Hawking folgende Aussage:

„Wenn die künstliche Intelligenz erst vollständig entwickelt ist, dann könnte das das Ende der Menschheit bedeuten. … Die Menschen wären durch die langsame biologische Evolution begrenzt, sie könnten nicht mithalten und würden ersetzt“ (2)

Schlimm?

Nun, wir, die dies jetzt lesen, werden diesen Untergang wohl nicht erleben. Obgleich wir bei genauer Betrachtung schon feststellen könnten, wie stark die Computerisierung unser Leben verändert. Bald sind selbstfahrende Autos eine Selbstverständlichkeit und viele Berufe verschwinden.

Dennoch zu der Frage: Schlimm?

Die Antwort mag wohl davon abhängen, wie wir das Phänomen Evolution bewerten. Wer die falsche Ansicht vertritt, die Evolution führe dazu, dass diejenigen Lebewesen überleben, die die Fittesten sind, mag aus dem „Erfolg“ der Menschen herleiten, wir seien das Ziel der Evolution gewesen. Allerdings besagt die Evolutionstheorie, dass nicht die Fittesten im Sinne von den Stärksten überleben, sondern diejenigen, die sich am besten der sich immer ändernden Umwelt anpassen können. Wenn also die Evolutionstheorie zutrifft (aber wer weiß dies in letzter Konsequenz schon – bereits Karl Popper sagte, dass wir nur falsifizieren niemals aber verifizieren können) wäre unser selbst verursachtes Ende zwar sehr unschön, aber nicht „unnatürlich“.

Es muss aber nicht so kommen. Denn Weg dazu weist uns der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Kahneman, indem er die Bedeutung der Evolution für unser Verhalten thematisiert. In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ formuliert er zwei Systeme, die maßgebend für unser Denken und Verhalten sind. Dabei spiegelt das System 1 das eher intuitiv positive Denken beziehungsweise die intuitiven Verhaltensweisen wieder: „… System 1 wurde von der Evolution so ausgeformt, dass es die Hauptprobleme, die ein Organismus lösen muss, um zu überleben, fortwährend bewertet“ Dies geschieht quasi automatisch und vor allem geschieht es schnell. System 2 ist dagegen für das analytische, logische Denken zuständig. Wie die Lebenserfahrung zeigt, ist es allerdings wesentlich einfacher, angenehmer und weniger anstrengend mit dem System 1 zu arbeiten. Und dies geschieht dann in der Regel auch tatsächlich. (3)

Computer „denken“ logisch. Wenn wir es mit diesen Maschinen also aufnehmen wollen, scheint es sinnhaft mehr in deren System, also unserem System 2 zu denken. Das ist zwar nicht bequem, aber möglicherweise zukunftsträchtig.


(1) Ein lesenswerter Artikel dazu, hier in Rollingplanet

(2) Der Spiegel 50/2014 Printausgabe „Menschenwürmer“

(3) Dieser Absatz ist im Wesentlichen meinem Beitrag „Die Evolution ist für uns Menschen zu langsam“  aus dem Blog finanzenlounge entnommen.  Quellenangabe zu Aussagen Kahneman: Daniel Kahneman , Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler Verlag 2012 (Ebook Ausgabe, Seite 118)

2 Kommentare zu „Die Langsamkeit, die Evolution und die künstliche Intelligenz“

  1. Hmm, interessanter Gedanke. Wenn ich so darüber nachdenke, scheint in meinen Augen die Innovations- und Opferbereitschaft die größte Herausforderung der Gesellschaften sein. Ich schätze die Gefahr durch Naturkatastrophen höher ein, als die durch das Erstarken von künstlicher Intelligenz. Aber um diese zu vermeiden oder entgegen zu wirken, ist es erforderlich, von bisherigen Verhaltensweisen Abstand zu nehmen. Genau das ist aber das Problem, wenn man sich die Menschen im Alltag wie auch die Politiker auf den Klimagipfeln anschaut.

  2. Fehlende Innovations- und Opferbereitschaft trifft es. Generell fehlt Veränderungsbereitschaft. Es warten eben so viele, dass A.M. „Mutti“ es richtet. „Gefahren“ durch künstliche Intelligenz sollte man schon ernst nehmen. Denke einmal daran, wie viele Jobs durch Internet und Digitalisierung verschwinden. Gefahren kommen meist aus der Ecke,auf die man nicht achtet. Dir jetzt einen schönen Restabend (oder Guten Morgen?)

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